|
|
|
Für europäische Sozial- und Arbeitsrechtsstandards
Betriebsrätekonferenz der SPD in Wetzlar
Rund 30 Betriebsratsmitglieder und gewerkschaftliche Vertrauensleute aus Mittel- und Südhessen
fanden am 22.04.04 ihren Weg in das Wetzlarer Stadthaus zur Betriebrätekonferenz
der SPD. Eingeladen haben die SPD Mittelhessen und der SPD-Arbeitsnehmerflügel
„Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen“ (AfA) anlässlich der anstehenden Europawahl.
Zur Diskussion stellten sich der streitbare Chef der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt
(IG BAU), Klaus Wiesehügel, der Opel-Betriebsrat Peter Klein sowie der heimische SPD-Europaabgeordnete
Udo Bullmann.
Das Podium mit den Referenten (v.l.n.r.): Bullmann, Bökel, Wiesehügel, Klein
IG BAU – Chef Wiesehügel machte gleich zu Beginn in seinem Beitrag klar, dass er auch im Europawahlkampf
gegenüber der SPD-geführten Bundesregierung kein Blatt vor den Mund nimmt. „Nicht alles ist richtig,
was die Bundesregierung gesagt und getan hat, es ist daher eine Frage der Glaubwürdigkeit als
Mitglied der SPD, dies auch offen zu benennen“, so Wiesehügel. Er bezog sich damit auf den
von Ihm zuvor kritisierten gemeinsamen Brief der Regierungschefs von Groß-Britannien und Deutschland,
Blair und Schröder sowie des französischen Präsidenten Chirac an die griechische EU-Präsidentschaft,
in welcher diese die Deregulierungsforderung der Erklärung des EU-Gipfels von Lissabon wieder
aufgriffen und deren Umsetzung einforderten. „Die Konservativen im Europäischen Parlament
verstehen die Erklärung von Lissabon als Freibrief zum neoliberalen Abbau von Arbeitnehmer-
und Sozialrechten, nur eine sozialdemokratische Mehrheit kann dem einen Riegel vorschieben,“
griff Udo Bullmann den Ball in seinen Beitrag auf. Es gehe bei dieser Europawahl um die grundsätzliche
Frage, ob eine konservative Mehrheit im Europaparlament die zum Teil arbeitnehmerfeindlichen und
sozial unausgewogenen Vorschläge der europäischen Kommission (also der europäischen „Regierung“)
„durchwinken“ wird, oder ob eine linke Mehrheit die europaweite Garantie von Arbeitnehmerrechten und
sozialen Rechten durchsetze und schütze. Als Beispiele nannte Bullmann die Dienstleistungsrichtline und
das Entsendegesetz. Die von der Kommission vorgelegte sog. Dienstleistungsrichtline will den Rechtsstatus
und die Bezahlung von Arbeitnehmern nach den Standards ihres Herkunftslandes (=“Entsendeland“) regeln.
Damit wäre das Prinzip von gleichem Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort durchbrochen. Ein für die
Arbeitnehmer ruinöses Lohndumping wäre die Folge. „Die Sozialdemokratische Fraktion im Europäischen
Parlament wird solche Schweinereien nicht zustimmen,“ unterstrich Bullmann, “und ohne Zustimmung des
Parlamentes wird dies nie zum Gesetz.“ Aber dafür brauche die europäische Sozialdemokratie die Mehrheit.
„Wenn also Arbeitnehmer aus Ärger über die Politik der Bundesregierung oder aus Ärger über die
augenblicklichen wirtschaftlichen Verhältnisse nicht wählen gehen, dann schneiden sie sich ins eigene
Fleisch“, warnte Bullmann.
In einen sehr zurückhaltend aber um so eindringlicher vorgetragenen Beitrag stellte als dritter in der Runde
der Opel-Betriebsrat Peter Klein die Arbeit des „europäischen Arbeitnehmerform“ (EEF) genannten
Europäischen Betriebsrats der Adam-Opel AG vor. Seit 1998 gibt es nun dieses aus 29 Mitgliedern bestehende
europaweite Gremium, dessen Mitglieder 17 unterschiedliche Nationalitäten angehören. Als herausragende
Leistung des EEF ist nach Klein die gemeinsame Verhinderung der Schließung des General-Motors-Werkes
in Luton in England zu nennen. Europaweit hatten Beschäftigte von GM gegen die Schließung des Produktionswerks
Luton in England gestreikt. Die Proteste haben sich gelohnt. Der amerikanische Autokonzern und der
Euro-Betriebsrat haben am 5. März 2001 einen Rahmenvertrag unterzeichnet. Die einzelnen Gewerkschaften
mussten dann dafür zu sorgen, dass der Rahmenvertrag in nationale Vereinbarungen umgesetzt wird. Klein
warb in seinem Beitrag darum, Europa nicht den Konzernen zu überlassen. Er warnte dringlich davor, sich von
nationalen Regierungen und von internationalen Konzernen gegeneinander ausspielen zu lassen. „Die Internationalisierung
der Wirtschaft und die darauf reagierende europäische Integration sind unumkehrbar, entweder wir Arbeitnehmer
gestalten diese Prozesse nach unseren Bedürfnissen mit, oder wir kommen unter die Räder, das ist ganz einfach
die Alternative“, so Klein.
In der anschließenden regen Diskussion mit den Teilnehmern wurde das Beispiel der gemeinsamen Verhinderung
der Schließung des GM-Werkes in Luton als positives Gegenbeispiel zu der Schließung des Burger Werkes durch
den schwedischen Konzern Elektrolux aufgegriffen. Beherrschendes Thema der Diskussion war aber die sich
abzeichnende innereuropäische Konkurrenz durch Steuerdumping. Der Driedorfer Bürgermeister und Chef der
SPD Lahn-Dill, Wolfgang Schuster, berichtete von einem Ortstermin bei einem mittelständischen Unternehmer,
der sich gerade ein Werk in der Slowakei aufbauen will. „Wer einen Steuersatz von 19% bezahlen will, der soll
dann aber auch sagen, von welchem Geld die Infrastruktur aufgebaut und erhalten werden soll, die er
selbstverständlich nutzt“, kritisierte Schuster unter Beifall der Teilnehmer. Udo Bullmann machte anhand dieses
Beispiels klar, wie wichtig die Durchsetzung von europäischen Sozial- und Arbeitsstandards ist. „Bei gleichen
Standards funktioniert ein ruinöser Steuersenkungswettbewerb nicht mehr und es ist die sozialdemokratische
Fraktion, die für solche europäischen Standards kämpft,“ so Bullmann.
Der heimische SPD-Landtagsabgeordnete Gerhard Bökel, der die Diskussion leitetet bedankte sich bei den
Podiumsteilnehmern und Gästen nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die „Goethe-Stadt“ Wetzlar auch die
August-Bebel-Stadt Wetzlar sei. Schließlich sei Bebel hier nicht nur aufgewachsen, sonder auch Abgeordneter
gewesen. Schon für Bebel sei klar gewesen, dass eine gerechte Gesellschaft auf Dauer nur mit den Mitteln des
Nationalstaates in Konkurrenz zu anderen Nationalstaaten nicht aufzubauen sei. „Diesem Projekt ist die europäische
Sozialdemokratie noch immer verpflichtet und diese Veranstaltung hat uns aufgezeigt, welchen Chancen die
europäische Einigung bietet, wenn man sie richtig gestaltet“, sagte Bökel in seinem Schlusswort.
|